Island der erste Tag — von Seyðisfjörður nach Þórshöfn — eine Fahrt im Nebel

Liebe Leser,

wie bereits erzählt, fuhren wir, die Motorräder gut vertäut, mit der Smyril-Line am 21. August am frühen Morgen in Hirtshals, Norddänemark los. Wir hatten bereits eine Anreise von zwei Tagen hinter uns, so dass wir uns ein Hotel genommen hatten und bereits am Vorabend auf die Fährfahrt warteten. Die Fähre legte pünktlich um 9:00 Uhr ab. Mindestens zwei Stunden vorher, bis 7:00 Uhr, muss man am Check-in des Fährhafens sein.

Fährüberfahrt

Die Fährüberfahrt sollte zwei Tage und zwei Nächte dauern. Wir hatten uns für eine Außenkabine entschieden. Vor dieser hing zwar ein Rettungsboot, das den Blick teilweise behinderte. Der Blick auf Meer und Wetter und der Tag/Nacht-Wechsel halfen jedoch sehr, im Tagesrhythmus zu bleiben und machten die Überfahrt deutlich erträglicher. Andere Biker hatten sich für die preiswerteren Couchettes entschieden. Dies sind sehr enge Kabinen mit Stockbetten für mindestens 8 Personen. Sie sind so eng, dass man sein Gepäck in Staufächern unterbringen muss. Einige haben versucht, sich zusammen zu tun und auf richtige Kabinen umzubuchen.

Der Aufenthalt auf den Färöern war kurz und reichte nicht für einen Landgang.Tórshavn begrüßte und mit Nebel und Niesel. Schnell wurden Fahrzeuge entladen und neue aufgenommen. Nach einer Stunde ging es bereits weiter. Der schönste Teil der Fährfahrt sollte kommen, die Durchfahrt der Faröer-Inseln. Wie das Bild oben zeigt, versteckte sich die hügelige Inselgruppe jedoch in dichtem Nebel.

Ankunft auf Island

Nach einem Tag ruhiger aber wolkig-nebliger See und einer weiteren Nacht an Bord, erreichten wir Island. Die Insel empfing uns ähnlich wie die Färöer, mit Wolken, Nebel und Nieselregen. Hier, nördlich des 65. Breitengrades, war lediglich die Temperatur niedriger.

Der Zoll klebte nur seine Import-Marke auf die Motorräder und winkte uns sofort weiter. Nebel, Regen, noch in Seyðisfjörður, gleich an der ersten Tankstelle, legen wir erst einmal das Regenzeug an. Das erste Ziel war klar. Wir hatten für die ersten Tage auf Island ein Hotel vorgebucht. Hier wollten wir uns zuerst “akklimatisieren”, was bedeutet, dass wir auch zunächst den Schwierigkeitsgrad der Pisten und Offroad-Trails erkunden und uns mit dem Wetter vertraut machen wollten, bevor wir uns ins Hochland vorwagen, um eine Durchquerung zu fahren.

Wir wollten eine Unterkunft bei Mývatn, einer sehenswerten Seenlandschaft, buchen. Bereits im Frühjahr waren die weit gestreuten Hotels bereits oft ausgebucht, so dass wir uns für das Fossholl Guesthouse, ein an der Ringstraße ganz in der Nähe des Goðafoss Wasserfalls liegendes, kleines, privat geführtes Guesthouse mit leckerem Abendessen entschieden hatten. Weitere Hotels waren nicht vorgebucht.

Das Ziel war also klar. Ebenso war es klar, dass wir nicht einfach die Ringstraße entlang fahren wollten. Wir hatten uns für eine küstennahe kleine Schotterstraße, die zu Hause im Wohnzimmer auf unserer Topokarte einen Bergrücken überwinden musste, entschieden. Die Alternative, gleich am ersten Tag den Askja mit seinen Furten und Sandpisten anzugehen, erschien uns als zu mutig und zu unüberlegt und so ging es los, bei Wind und Regen die erste Hügelkette hinauf. Bereits hier hatten wir den relativ starken Wind gespürt. Aber es sollte auf unserer Reise noch schlimmer werden.

Erste Piste — die 917 zur Hochebene Hellisheiði

Von Seyðisfjörður kommend fährt man auf Asphalt 27 km nach Egilsstaðir, wo man auf die Ringstraße trifft. Hier geht es rechts über den breiten milchig-trüben See eines Gletscherflusses in Richtung Akureyri. Nach weiteren 23 km zweigt die 917 in Richtung Küste ab.

Genug Asphalt. Wir biegen in die 917 ein, die hinter einigen Hügeln bald in eine schnurgerade Schotterpiste übergeht. Die Auffahrt zur Hochebene Hellisheiði, die früher eine der steilsten Trassen auf Island war, ist neu angelegt und weist nur noch Steigungen bis 15% auf. Die Berge hängen in Wolken. Hier unten, knapp über Meereshöhe, hat man noch einen schönen Blick auf das Meer und die Bucht Héraðsflói. Wird man oben, auf dem Pass mit seinen 730 m überhaupt Sicht haben?

Die Schotterstraße beginnt sich in mehreren, gut ausgebauten Kehren hinauf zum Pass zu schrauben und gibt immer wieder einen wundervollen Blick auf die Bucht frei.

Bereits auf halber Strecke stoßen wir an die niedrige Wolkendecke und stehen im Nebel. Auf eine bei schönem Wetter sicher wundervolle Aussicht müssen wir verzichten. Der Pass hängt in Wolken. Je höher man kommt, desto schmaler wird die Trasse. An den steileren Stellen wird der Schotter ein wenig loser. Alles in allem ein aber wirklich lohnenswerter Pass. Das Bild oben zeigt die nach Vopnafjörður abfallende Straße. Im Hintergrund könnte man das Meer sehen. Heute sehen wir es nicht.

Kälte, Regen und Wolken laden nicht gerade zu einer Rast und so beschließen wir weiter zu fahren.

Nach unserer Exkursion durch die Wolken erscheint es uns fast, als würde es auf der anderen Seite des Höhenzuges etwas aufklaren.

Auf Höhe der Küstenstraße, die sich entlang des Fjords hinzieht, sehen wir Seevögel, Schafe und sattes Grün. Nach etwa 66 km auf Schotter treffen wir auf die asphaltierte Straße 85, der wir in Richtung Norden folgen.

Ein Parkplatz lädt zu einem kurzen Planungsstopp ein. Wie soll es weiter gehen? Nach Süden in Richtung Ringstraße zurück? Oder nach Norden, die längere Strecke der Küste entlang. Das Wetter spricht zwar für die Ringstraße, der Drang, Island zu erforschen spricht jedoch für die Weiterfahrt entlang der Küste.

Entlang der Küste

Kaum hatten wir die Karte ausgepackt, fährt eine alte Honda Transalp mit isländischem Nummernschild an uns vorbei, um kurz später zu wenden und zu uns heran zu fahren. Wir werden freundlich auf Englisch begrüßt. Plötzlich wechselt der Fahrer die Sprache und spricht in fließendem Deutsch weiter. Er arbeitet in Würzburg und besucht seine Heimat Island. Wir nutzen die Gelegenheit und fragen nach Wetter und Straßenbeschaffenheit. “Was, Ihr wollt ins Hochland?” ist die Antwort. “Was wollt Ihr denn da? Da ist doch nur Wüste.” Ich mustere seine Transalp. Gut gewartet sieht sie nicht aus. Isländer bleiben in der Nähe der Küste und lieben es mit dem Wohnmobil zu reisen. Er sei auch mit dem Wohnmobil unterwegs. Im Hochland und dann mit dem Motorrad sei er noch nicht gewesen. Aber er habe da einen Neffen. Er holt sein Handy heraus und wählt. Es schließt sich ein Isländischer Dialog an. Danach sind wir über Straßenbeschaffenheit, Wetter, geeigneste Routen und Übernachtungsmöglichkeiten aufgeklärt. Nur den Stand des Wassers in den Furten, den wisse man aktuell nicht.

Es habe wenig geregnet und somit sollte es kein Problem sein. Wenig geregnet? Wir stehen gerade im Regen unter dichten Wolken. Naja, uns reicht jedenfalls der “geringe Regen”, aber auch das sollte sich in diesem Urlaub noch ändern. Die Hilfsbereitschaft des Einheimischen scheint grenzenlos und er ruft sogar ein zweites Mal an, um weitere Informationen zu erfragen.

Ach da sei noch etwas: Die Schafe! Seid vorsichtig mit Schafen! Die laufen Euch ohne Vorwarnung vor das Motorrad. Seid besonders vorsichtig, wenn Tiere teils links und teils rechts der Straße sind und insbesondere wenn Jungtiere dabei sind!

“Wo wollt Ihr denn hinfahren?” — “Das überlegen wir gerade.” — “Na, dann solltet Ihr auf alle Fälle die Wasserfälle ansehen. Ihr fahrt die 85 hinauf, die ist neu gebaut. Ihr biegt dann links auf die 864 ab. Diese Waschbrettpiste führt zu den Wasserfällen, unter anderen dem größen Wasserfall Islands, dem Dettifoss.”

Genau diese Idee war mir auch schon gekommen, nur waren wir unsicher, ob die Tour für den ersten Tag nicht zu weit wird. Jetzt sind wir entschlossen zu fahren. Wir wollen zunächst Strecke machen und bleiben auf der teilweise gut ausgebauten, teilweise geschotterten 85 und fahren bis Þórshöfn, einem kleinen Fischerstädtchen. Wir haben etwa 190 km hinter uns. Es ist bereits halb zwei Uhr und wir sitzen seit 8 Uhr auf den Motorrädern. Zeit für ein Mittagessen. Zeit, in einen anderen Teil isländischer Gegenwartskultur einzutauchen. Reiseführer schreiben, dass Tankstellen oft die Zentren des ländlichen Lebens sind. Es stimmt. Die Tankstelle in Þórshöfn hat einige kleine Tische und bietet einen Mittagstisch. Man nimmt sich aus einer Terrine eine Art Auflauf und kann sich auch bei den Beilagen, Pommes Frites und einfachstes Gemüse, sowie beim Kaffee selbst bedienen. Was das für ein Auflauf sei, fragen wir die Besitzerin. Um uns herum nur Trucker und Fischer. Das sein ein Lammauflauf, eine hiesige Spezialität. Wir greifen zu. Es schmeckt köstlich. Bodenständig, ein wenig viel Fett, aber ausgezeichnet. Die Besitzerin bring frische Fritten. Friedbert nimmt einen Nachschlag.

Es wird Zeit, weiter zu fahren. Je nach Routenwahl liegen noch mindestens 250 km vor uns. Viele Schotterpisten. Das Wetter ist unverändert: Regenschauer, tiefe Wolken und Nebel. Wir brechen auf in Richtung Dettifoss. Doch davon später.

Herzlichst
Euer Friedbert